Blindflansch zum Wettbewerb für Produkt Design
abgelehnt
Michael Presskopf konnte es immer noch nicht glauben! Abgelehnt ... einfach
abgelehnt! In einem Schreiben teilte ihm die Jury mit, dass sein Blindflansch nicht in die Endausscheidung des
Wettbewerbs für Produktdesign kommen würde. Als Begründung wurde angegeben, dass es sich bei seinem Blindflansch
doch um einen Praxisfall handle, mit dem der gemeine Bürger nicht mal in Berührung käme. Die meisten Menschen
würden schließlich nicht einmal wissen, was ein Flansch überhaupt sei. Dann wünschte man ihm “dennoch“ alles
Gute für die Zukunft und so weiter .....
Dabei war doch genau das sein Anliegen gewesen. Den Flansch bekannter zu
machen! Und nun wurde sein Begehren abgeschmettert, weil der Flansch noch so unbekannt war. Wollte den niemand dem
Flansch eine Chance geben? Wieso war die Bevölkerung nur so blind gegenüber dem Flansch? Ein Triumph in diesem
Wettbewerb für Produktdesign hätte dem Blindflansch, sowie allen Flanschen, gewiss zu größere Bekanntheit
verholfen. Und keiner könnte behaupten, dass Michael Presskopf sich nicht genügend Mühe bei der Gestaltung seines
Flansches gegeben hätte! Er wollte der Arbeit, die durch diese wunderbaren Flansche geleistet wird, Rechnung
tragen! Und so entschied er sich für den Blindflansch. Denn dieser war am ehesten der Flansch, dem man auch
begegnen könnte, ohne ein Monteur oder dergleichen zu sein. Zum Beispiel am Boden einer Fußgängerzone. Ja, das wäre
eine schöne Bühne für seinen künstlerisch wertvollen Blindflansch gewesen ... doch diese Bühne hatte ihm die
dreiste, ignorante Jury mit ihrem pseudo-diplomatischen Schreiben unter den Füssen weggezogen!
Ursprünglich wollte Michael Presskopf eine künstlerisch wertvolle
Schlauchtülle fertigen. Doch er entschied sich
letztlich für den Blindflansch, da diesem eher der Zeitgeist unserer Gegenwart innewohnte. So musste ein
Blindflansch gleichzeitig dicht uns stark genug sein, um eine Rohrleitung effektiv zu schließen. Gleichzeitig
musste er aber auch einfach an und ab zu montieren sein. War der Blindflansch somit nicht ein Abbild unserer
Leistungsgesellschaft? Musste er nicht ebenso flexibel und polyvalent wie der moderne Arbeitnehmer sein? Doch
solch tiefgründiger Erkenntnis verweigerten sich die Yuppies aus der Jury wohl! In dieser Meinung wurde Michael
Presskopf bestärkt, als der Gewinner des Wettbewerbs bekannt gegeben wurde. Ein Entsafter mit integriertem
Vitamin C Messgerät und einer Stimmausgabe, die Barack Obama nachempfunden war, hatte das Rennen gemacht.
Zeitgenössischer Wellness-Kram wurde also dem Äquivalent unserer Gesellschaft, das Michael Presskopf entworfen
hatte, vorgezogen. Grimmiger Zorn erfasste Michael Presskopf, als er vom Ergebnis des Wettbewerbs erfuhr. War
dies nicht typisch? Seine subtile Gesellschaftskritik wurde noch vor der Endrunde abgeschmettert. Stattdessen
wurden wieder das Diktat des Praktischen und die Hoheit des Trends als Merkmale für den Sieger gewertet. Wie
bezeichnend das doch war! Die Oberflächlichkeit und die Scheininnovation wurden wieder als Errungenschaft
angepriesen und den handfesten Werten, die der Blindflansch von Presskopf vermittelte, vorgezogen. Den Menschen
war es heutzutage scheinbar wichtiger, banale, kleine und unbedeutende Bedürfnisse zu füttern, als den Tatsachen
ins Gesicht zu sehen!
So ging es Presskopf noch lange durch den kopf. Doch dann überwog sein Stolz,
sich diesem Ruf der Moderne nicht gebeugt zu haben. Die Verbitterung währte nicht lange, denn Michael Presskopf war
dennoch zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Er wusste, dass er es nicht nötig hatte, blind durch die Welt zu
gehen und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Er stellte seinen Blindflansch gut sichtbar auf den Kaminsims
und blickte ihn noch lange nachdenklich an. Im Kamin brannte das Schreiben der Jury und zerfiel zu Asche – und
somit zu Bedeutungslosigkeit.
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